Hamburger Sport-Verein e.V.

"Für mich schließt sich der Kreis"


Interview der Woche mit Piotr Trochowski

Am vergangenen Sonnabend lief Piotr Trochowski erstmals für den HSV III auf und glänzte bei seinem Comeback mit tollen Pässen. Im Interview der Woche spricht der Vize-Europameister von 2008 über seine neuen Teamkollegen, die Oberliga Hamburg und über das verletzungsbedingte Ende seiner Profikarriere.

Troche, du hast beim HSV III die ersten Trainingseinheiten mitsamt Testspiel-Einsatz hinter dir. Wie war dein Einstand?

Piotr Trochowski: Der verlief gut, ich bin super im Team angekommen. Wenn man über längere Zeit nicht kickt, dauert es natürlich etwas, bis man wieder drin ist. Ich habe bald 36 Jahre auf der Uhr und brauche daher einen gewissen Rhythmus. Aber ich merke, dass es mit jeder Einheit besser wird, mein Körper die Belastung annimmt und meine Knie halten. Ich bin froh, auf dem Platz zu stehen und dabei gesund zu sein. Das ist das Wichtigste.

Neben Marcell Jansen trainieren deine Teamkollegen plötzlich mit einem weiteren Vize-Europameister und WM-Dritten zusammen - das können auf Oberliga-Niveau nicht viele Spieler von sich behaupten. Wird dir eine gewisse Ehrfurcht entgegengebracht?

Anfangs war es vielleicht ein wenig so, weil die meisten mich nur als Profifußballer aus dem Fernsehen kannten. Viele sind zehn Jahre jünger als ich und waren zu meiner Zeit als Nationalspieler noch Teenager. Daher denke ich, dass zu Beginn eine gewisse Ehrfurcht da war, die sich aber sehr schnell gelegt hat. Ich bin grundsätzlich ein entspannter Typ, mache auch Späße, und habe den Eindruck, dass die Jungs das merken und sich irgendwann denken: „Der Troche verliert ja auch mal einen Ball oder bekommt einen Beinschuss“ – das ist doch menschlich.

Siehst du dich aufgrund deiner Erfahrung bereits als Führungsspieler in deinem neuen Team?

Darum geht es mir primär nicht. In erster Linie bin ich zum HSV III gekommen, um einfach wieder zu kicken. Ich wollte testen, ob es klappt und ob die Knie halten. Bislang macht es mir großen Spaß, wieder zu spielen - in einem tollen Verein und mit einer guten Mannschaft.

Du musstest deine Profilaufbahn 2016 in Augsburg aufgrund von Verletzungen beenden. War es für dich schwierig einzusehen, dass dein Körper nicht mehr mitmacht?


Das war ein schleichender Prozess. Den ersten Knorpelschaden hatte ich im Jahr 2012 beim FC Sevilla und musste mich daher am Knie operieren lassen. In den Jahren 2014 und 2016 folgten dann die nächsten Operationen an den Knien. Mit jeder größeren Verletzung wird es natürlich schwieriger, sich wieder heran zu kämpfen. Wenn man als Profifußballer ein ganzes Jahr ausfällt, holt man diesen Rückstand nur sehr langsam wieder auf. Ich habe schon nach den ersten Operationen gemerkt, dass ich es nicht schaffe, mein Level von früher zu erreichen. Obwohl ich mich besser ernährt habe, mehr trainiert habe, mich besser vorbereitet habe. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass es durch die Verletzungen wohl dem Karriereende entgegengeht, auch wenn ich erst 29 Jahre alt war. Mich nach meinem Knorpelschaden in Augsburg mit 31 Jahren noch einmal zurück zu quälen, eventuell in der zweiten Liga -  das hätte ich körperlich nicht mehr geschafft, dafür hatte ich einfach zu viele Pausen. Mir war dann klar, dass meine Karriere als Fußballprofi nach zwei Knorpelschäden in fünf Jahren beendet ist. Also musste ich einen Schlussstrich ziehen. Aber wie gesagt: Es war ein längerer Prozess und deswegen kam ich damit ganz gut klar.

Jetzt bist du aber doch auf den Fußballplatz zurückgekehrt. Wie kam es dazu?

Nach der letzten Operation war ich während der Reha auch auf dem Fußballplatz, habe danach allerdings extreme Knieschmerzen gehabt und das Thema, wieder zu kicken, eigentlich abgehakt. Dann kam im vergangenen Jahr die Einladung zum Abschiedsspiel von Rafael van der Vaart im Volksparkstadion. Ich wollte unbedingt dabei sein, habe mir aber gesagt, dass ich vorher erst zwei, drei Einheiten auf dem Platz machen sollte, nachdem ich den Ball drei Jahre lang nicht mehr am Fuß hatte. Das lief überraschenderweise sehr gut, die Knie haben gehalten und ich habe richtig viel Spaß beim Abschiedsspiel von ,Rafa‘ gehabt. Danach dachte ich: „Okay, bevor ich jetzt weiterhin nur um die Alster laufe, spiele ich lieber wieder Fußball.“

Hat Marcell den Kontakt zur „Dritten“ des HSV hergestellt?


Nein, ‚Cello‘ war es nicht. Der erste Kontakt kam über Alexander Eckball, der Mitglied im Amateurvorstand des HSV e.V. ist. Wir kennen uns schon länger und er hat mir öfter gesagt, dass ich, wenn ich Lust habe, mal beim Training vorbeischauen soll. Ehrlich gesagt, war ich zunächst überrascht, als ‚Ali‘ mich gefragt hat, ob ich für die ‚Dritte‘ spielen möchte. Im ersten Moment habe ich mit einer dritten Mannschaft die Bezirks- oder Kreisliga verbunden. Das hätte ich wahrscheinlich abgesagt. Aber eine Oberligamannschaft, die in der Tabelle im Mittelfeld steht, kann schon mit dem Ball umgehen. Ich habe dann mit den Trainern Marcus Rabenhorst und Christian Rahn gesprochen und danach ging alles recht schnell.

Wie reagieren deine Knie auf die regelmäßige Belastung beim Training?

Es ist natürlich nicht so, dass ich die Beanspruchung nicht merke, aber ich habe gelernt, damit zu leben. Ich muss mir eben Pausen gönnen - die hatte ich im Profibereich nicht. Da musst du jeden Tag zwei Stunden Gas geben. In der Oberliga sind es drei bis vier Einheiten pro Woche. Diese Erholung dazwischen braucht mein Körper.

259 Pflichtspiele für den HSV, 35 Partien für die deutsche Nationalmannschaft, dazu hast du für den FC Sevilla Tore gegen Real Madrid und den FC Barcelona erzielt. Jetzt wartet die Oberliga Hamburg - was erwartest du von der Liga?


Meine drei Brüder haben alle in der Hamburger Oberliga gespielt, unter anderem für Hamm United, Vorwärts-Wacker Billstedt oder den VfL 93. Deswegen ist es eine schöne Geschichte, dass ich als vierter Bruder jetzt auch in dieser Liga spiele. Zudem ist es Hamburg, die Wege sind kurz und ich kenne viele Mannschaften von früher, als ich während meiner Kindheit für Billstedt-Horn oder Concordia Hamburg gespielt habe. Für mich schließt sich also der Kreis. Deswegen freue ich mich.

Vielen Dank für das Gespräch, Troche.


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Feb '20
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